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Freitag, 27. November 2015

Sprache gut alles gut.







Die Sprache seines Wohn-Landes GANZ lernen. Nicht nur halb. 

Denn Sprachkenntnis bedeutet Freiheit, mangelnde Sprachkenntnis dagegen: die Wege bleiben versperrt - zu den meisten Berufen und damit zum Wohlstand oder gar zu echtem Einfluss.

Achtung, hier ist NICHT die Rede von 

der neuen 2015-Flüchtlings-Welle mit nagelneuem Deutschlehrer-Mangel

sondern 

von den vielen 
ausländischen Studenten der letzten Jahre genauso wie 
Wirtschafts-Einwanderern und Asylsuchenden
der letzten Jahrzehnte. 

Es geht um diejenigen, 

die bleiben (wollen) 
und mangels perfekter Sprachkenntnis ihre Berufs-Möglichkeiten, ihre Freiheit nicht ausschöpfen können.

Und um uns Deutsche, die ihnen fleißig Komplimente zu ihrem „tollen Deutsch“ machen, 
statt sie anzuspornen: lernt ruhig mehr!


JanaBlog-Qualifikation:

JanaBlog spricht aus eigener Erfahrung, auch sie lernte Deutsch erst nach ihrer Ankunft in Deutschland. Sie beobachtet dieses Thema seit Jahren und hat in den letzten Monaten mit besonders vielen ausländischen Studenten sprechen können.

Die Lage:

Letzthin war die Ansage auf dem Hamburger Dammtorbahnhof vor lauter Akzent völlig unverständlich. 

Im Callcenter einer anerkannten Logistikfirma verstanden zwei Kundenbetreuer hintereinander eine gewöhnliche deutsche Adresse nicht, sie konnten sie auch nicht aus dem Computer vorlesen, und auch nicht den folgenden Satz verstehen: "Macht es etwas aus, wenn ich Ihnen meine E-Mail-Adresse gebe obwohl ich nicht der Empfänger/Adressat der Sendung bin?" Oder den Satz: "Kann man die Zeit eingrenzen in der das Paket geliefert wird?"

So einige intelligente (meist sind es) Frauen bleiben mangels Sprachkenntnis nicht nur auf Reinigungsjobs beschränkt, sondern auf Reinigung ausschließlich bei ihren Landsleuten, weil sie sich nicht einmal ansatzweise mit deutschen Auftraggebern verständigen können.
Dieselben Frauen können ihren Kindern in einem Arzt-Termin, Lehrer-Gespräch oder gar Therapie-Situationen nicht helfen.

Etliche Studenten-Neben-Job-Bewerber bekommen allenfalls einfachste Hilfsjobs, weil sie trotz jahrelangen Aufenthalts in Deutschland kein flüssiges Telefongespräch führen oder eine verständliche Mail vorab schicken können.

Und während man im Studium noch großzügig durchzukommen scheint, 
ist spätestens bei Bewerbungen um einen ernsthaften Job Schluss
Denn Arbeitgeber können trotz besten Integrations-Willens nicht diejenigen einstellen, die
wegen mangelnder Sprachkenntnisse ihre Kernaufgaben nicht erfüllen könnten. Denn während es (neuerdings) für ein Callcenter zu reichen scheint (wo an sich das Kunden(-Adressen-)-Verstehen die Kernaufgabe ist), und man als Wissenschaftler vielleicht ohne perfektes Deutsch mit Englisch durchkommt,

kann man in der großen Welt der Wirtschaft überwiegend nur diejenigen beschäftigen die sich perfekt
-auf ihre Kunden einlassen können,
bei der Arbeit im Team
-die Feinheiten von detaillierter Kommunikation wirklich verstehen und
Informationen gut
-in Texten weitergeben können.
Wahrlich globalisierte Firmen, in denen in gemischten Teams nur noch Englisch gesprochen wird sind nur ein Teil der Wirklichkeit, und Kunden werden auch in Zukunft erwarten, in ihrer Landessprache angesprochen zu werden.

Klar, man muss ja nicht ehrgeizig sein. 
Aber ohne Sprache hat man auch gar nicht erst nicht die Chance herauszufinden, ob man ehrgeizig wäre. Und wer studiert, legt schon einen gewissen Anspruch an sein späteres Berufsleben an den Tag. Und wer weiß, vielleicht will derjenige, der handwerklich tätig sein will später doch noch mal eine eigene Firma eröffnen, oder sich als Reinigungs-Fee selbständig machen.

Und sicher, vielleicht war es früher einfacher
weil man der einzige Ausländer war. Jetzt muss man im Alltag nicht mehr viel Deutsch sprechen denn es bauen sich Mini-WG- Stadtviertel-Parallelgesellschaften, jeder hat so viele Landsleute um sich, dass er bequem in seiner Sprache bleiben kann.


Selten, deshalb fällt es sofort auf:Wenn Firmen nicht sorgfältig genug vorgehen mit der Sprache
 des Landes, in dem sie etwas verkaufen wollen, wirkt es nicht vertrauenerweckend.
Werbung der Firma Clarisonic, gesehen bei Douglas 

Und manche wollen ja auch nur kurz bleiben,
es „lohnt“ sich gefühlsmäßig nicht
Allerdings 

-planten alle von JanaBlog Befragten in Deutschland zu bleiben, und 

-alle fühlten sich hier unwohl (bis auf zwei, die gut deutsch sprachen). 

Auf die Frage warum sie sich nicht wohlfühlen kam die Standard-Antwort: dass Deutsche wenig gefühlsbetont sind und eine kühle Atmosphäre herrscht. 
Auf Nachfrage wie viele Deutsche sie kennen kamen Nullen oder Zahlen im kleinen einstelligen Bereich heraus

Jeder hat sicher seine persönlichen auch unbewussten und völlig legitimen Gründe zum Sprache-nicht-perfekt-lernen: 
Vielleicht beispielsweise eine tiefe Angst, seine Identität zu verlieren? "Zu deutsch" zu werden? Sein eigenes Land zu "verraten"?

Andererseits:
Was ist das für ein Gefühl zu wissen dass man in einem Land bleiben will/muss, das man nicht mag/kennt? 
Ist man da bescheiden? Gleichgültig? Geborgen unter Landsleuten? Isoliert? Unglücklich?

Auf jeden Fall ist man spürbar limitiert
Denn eine Sprache richtig gut zu sprechen bedeutet bereits im kleinen Alltag: mehr Achtung erfahren. 
Nicht wegen Ausländer-Vorurteilen, sondern 

weil man sich nur mit passabler Sprachkenntnis als Mensch mit seiner Persönlichkeit und seinem Humor zeigen kann

Erinnert euch: der französische Austausch-Schüler den beim Ausgehen niemand für voll nimmt weil er nichts sagt und so langweilig rüberkommt( nur weil er nicht genug Deutsch spricht). Und man selbst im Kreise der Kollegen die mehrheitlich eine andere Muttersprache sprechen – denkt schon alleine an den letzten Kongress eures Fachgebiets, im Kreise der schnell sprechenden britischen Kollegen....


Werbung der Firma Mango

Jetzt liebe ursprünglich-ausländischen Mitbürger:

Bitte nehmt euch kein Beispiel an Sylvie Meis und Jorge Gonzáles in der Fernsehsendung Let's Dance (Holländische und kubanische Jury-Mitglieder in einer deutschen Tanz-Sendung)!!!
Die beiden und ein zwei andere TV-Celebrities verdienen ihr Geld unter anderem(!) dadurch dass sie mit ihrem schlechten Deutsch (für manche) witzig klingen und dass sich ihre Umgebung ausländerfreundlich fühlen kann, wenn sie darüber gutmütig lacht.* Von diesen Jobs gibt es jedoch nicht viele!


Und liebe Muttersprachler:

Was macht ihr? 

-Macht ihr im passenden Augenblick auf limitierende Sprachdefizite aufmerksam? 
Ratet ihr euren Schülern, Studenten, Nachhilfe-Schülern, eurem Au Pair, eurem Praktikanten mehr Deutschunterricht zu nehmen? 

-Oder habt ihr Angst, dass ihr nicht freundlich genug erscheinen würdet oder der Angesprochene zu empfindlich ist wenn es um seine Sprachkenntnisse geht?

Die Ängste?
Verständlich.

Dennoch:

Welche der beiden Vorgehensweisen ist für den ausländischen Mitmenschen hilfreicher? 








*auch wenn die Moderation von Daniel Hartwich manchmal durchaus von einem mehr oder weniger unterdrückten Seufzer begleitet wird, mit dem er sich eine gewisse Ungeduld mit dem nicht vorhandenen Sprach-Fortschritt erlaubt.

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Donnerstag, 2. April 2015

Social Life - Burnout?

(Aus der Reihe: Best of JanaBlog)





Ächzt ihr auch manchmal unter der Anzahl eurer Verabredungen? Hättet ihr manchmal gerne mehr Ruhe?

Warum würdet ihr es (euch) nie eingestehen?

Warum lohnt es sich eigentlich, ein bisschen kürzer zu treten?

Und wie macht man das?

Alarmzeichen:

- Man ertappt sich beim dem Satz:: „Ein Wochenende frei zu haben nur mit der Familie, das wäre der größte Luxus…

- "Meine Kinder sind in Streik getreten! Die wollen diesen Wochenend-Trip nicht mitmachen, "weil ihnen die Verabredugnen zu viel sind"! Sie wollen einfach nur in ihrem Zimmer sitzen und spielen,
sagen, das wäre echter Luxus nach einer Schul-/Hobby/-Verabredungs-Woche!"

-(Zwei Männer beim Bäcker neulich :) "Wir fahren am Wochenende zur Familie nach..../Das ist doch schön!/ Na ja, ehrlich gesagt machen wir wirklich jedes Wochenende was, es wird einfach zu viel... da kann man das gar nicht genießen"...

-“ Meinen Geburtstag feiern? Auf keinen Fall! Mir ist in der Freizeit in letzter Zeit ohnehin alles zu viel…“

-“ Ich kann diesen Montag und Dienstag wirklich abschreiben,
so kaputt bin ich…/Warum?/ Ich hatte das ganze Wochenende Besuch…“

Jetzt richtig verstehen:
Sich darüber beschweren dass man zu viele Verabredungen hat, das ist extrem angesagt.

Denn

- einen ausgebuchten Kalender zu haben, das ist ein wichtiges Statussymbol.
Heute ist man nicht nur selbst/gerade ohne Auto und mit Carsharing cool, sondern neben Familie, Fitness und Aussehen auch durch die Anzahl von sozialen Kontakten und möglichst spektakulären Aktivitäten übers Wochenende!

- Ganz abgesehen vom Status wollen wir ja auch ganz real und echt alles aus dem Leben herausholen, das Leben genießen, bis zum Anschlag.

Dazu kommt:

Nein sagen fällt uns vor lauter Harmonie-Bedürfnis ohnehin sehr schwer.

Unser soziales Gehirn treibt uns an: Zugehörigkeit und Pflege von sozialen Beziehungen ist in unserem Hirn zurecht seit Beginn der Menschheit als Überlebensgarant abgespeichert. Je mehr gute Beziehungen, desto besser!

Aber alles Gute kann man übertreiben und neben Schlafmangel könnten wir uns die Frage stellen:

Genießen wir noch jeden einzelnen Termin?


Denn immer häufiger kommt dabei heute dies heraus:

- Familien/Paare erstellen zur Abstimmung und Planung ein Jahr im Voraus Excel-Sheets mit verplanten Wegfahr-Wochenenden, Feier-, Besuch-Haben und andere-Wochenenden und Partys und und und.

- Statussymbol und damit auch fast Druckfaktor sind mittlerweile die Verabredungen unserer Kinder, ihre Hobbies, wie viel und von wem sie zu Kindergeburtstagen eingeladen werden...

- Wir überschlagen uns an Kreativität, eben so nebenbei bei Job und Alltag, um überragend zu sein mit Geschenken, Späßen und Mitbringseln für Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Kindergeburtstage, Einladungen. 

-Wir zaubern Magic Time neben Job und Familie denn wir trauen uns nicht mit einem gekauften(!) Kuchen bei einer Einladung von Co-Eltern aufzutauchen – – und backen die halbe Nacht.

Vor Weihnachten sind wir im ohnehin Rausch, der sich mittlerweile in den Januar hinein steigert: jeden Abend eine Feier, jedes Wochenende mehrere Adventsfeiern gleichzeitig, weil wir zur Stärkung unserer sozialen Bande wirklich jeden sehen wollen.

- An Wochenenden lassen wir uns besuchen und spielen Fremdenführer oder besuchen selber Freunde und Familie außerhalb. Weil wir besonders gute Gastgeber/Gäste sein wollen, stehen wir den anderen das Wochenende über extrem zur Verfügung - und versuchen danach die vom Wochenende chronisch liegen bleibende To-Do-Listen locker unter der Woche nebenher zu erledigen.

-Oder wir kapitulieren und konzentrieren uns ausschließlich auf unsere Familie, leisten uns keine Verabredungen mit alten Freunden mehr, einfach weil es zu viel ist.

Jetzt natürlich: All die Verabredungen machen an sich Spaß!!!

Aber
machen wir einiges davon wie automatisch und
zahlen dabei einen hohen Preis?:

- Geraten wir in einen Sog, eine Spirale, wo wir zu wahllos zusagen, bei Menschen die wir eigentlich gar nicht sooo mögen? Zahlt sich das Netzwerken in so einem Fall wirklich jedes Mal aus?

- Sind wir noch glaubwürdig, emotional anwesend, authentisch und für unsere Freunde da während wir eigentlich nah am inneren Social Life-Burnout stehen?

- Was bedeutet ein Kinder-Reise/Party-Boykott? Nur eine Laune? 

- Leidet unser Paar-/Familienleben unter zu wenig Paar-/Familie-Allein-Zeit?

- Geht unser Verabredungs-Reichtum auf Kosten anderer unersetzlicher Bereiche zum Aufladen unserer Batterien? Zum Beispiel das Allein-Zur-Ruhe-Kommen, Lesen, Sich-Bilden, Sport machen, Nichtstun...


JanaBlog-Lösung zur Social-Burnout-Prophylaxe:

Wir tun einfach nur ein bisschen mehr davon, was wir ohnehin täglich ununterbrochen tun: 
Nein sagen,

Denn ja, das Nein können wir eigentlich schon ganz gut!

Wir sagen sie nicht aktiv, bewirken aber unbewusst unendlich viele Neins, indem wir immer nur eine Möglichkeit pro Sekunde wählen können.
Sagen nein zu den Tausenden Möglichkeiten, die wir in Paralleluniversen vielleicht ausführen, aber leider nicht in diesem Universum erleben können.
Nein zu all den Partys, die wir nicht geben, zu all den Freunden, die wir vernachlässigen, die wir täglich nicht treffen/besuchen/einladen. 
Zu all den Konzerten/Filmen/Theaterstücken die wir nie sehen werden, zu all den Büchern die wir zwar mögen würden, aber einfach nicht schaffen werden. Nein zu all den Vereinen/Hobbys, die wir nicht ausprobieren. Und im Kleinen: Effektives Nein zu den  Freunden die wir an einem Abend nicht anrufen, während wir mit unserem Freund auf dem Sofa einen Film schauen, und sogar zu den Freunden, mit denen wir uns nicht treffen, während wir mit einer neuen Bekanntschaft einen Kaffee trinken, ....

Da macht vielleicht das eine oder andere Nein mehr auch nichts mehr aus…

… und was dann mit unserem Status ist?

Wir können ja trotzdem über zu viel Verabredungen stöhnen, wer überprüft das schon?
Und dazu erhöhen wir unseren Status vielleicht mit blendend ausgeruhtem Aussehen, und einer echten emotionalen Präsenz bei denjenigen Verabredungen und Veranstaltungen, die wirklich passen…









Dies ist die leicht überarbeitete Fassung des bereits am 22.11.2013 erschienenen Posts von JanaBlog. 


Wer wissen will, wie gestresst die Deutschen zurzeit sind:
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/so-gestresst-sind-die-deutschen-umfrage-der-techniker-krankenkasse-a-930696.html


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Freitag, 24. Januar 2014

Deutsche unglücklich?







Immer wieder hört man das Jammern:

"Seht, all der Wohlstand, der Erfolg und der heutige Stress der (deutschen) Menschen hat sie nicht glücklich gemacht!
Seht sie euch an wie unglücklich sie aussehen!
Wie sie gucken! Im Supermarkt, in der UBahn!
Kein Lächeln, nirgends! Sie schauen alle miesepetrig drein, ziehen ein Gesicht,

während die Menschen in Afrika/Brasilien in ihren Wellblechhütten glücklich und fröhlich lachen! DIE verstehen was vom Leben und vom wahren Glück!!!"

Jetzt JanaBlog-These dazu:

Dass die Deutschen nicht jederzeit mit einem breiten fröhlichen Lächeln durch die Gegend hüpfen, bedeutet überhaupt nicht dass sie nicht glücklich SIND, sondern dass sie es nur nicht dauernd ZEIGEN.

Denn vielleicht ist es einfach ihre Mentalität.
Und der Kern einer kulturellen nationalen Mentalität sind die Werte, die eine Gemeinschaft über lange Zeit entwickelt hat.
Wir haben bereits in einem anderen JanaBlog-Post gesehen, dass die Deutschen (zu recht) nicht als sehr höflich gelten, und dass sie dafür zugleich ihre schlüssigen, in langjähriger Tradition gewachsenen Gründe haben (http://janablog1.blogspot.de/2012/04/deutsche-dichter-unhoflich.html).

Könnte es also nicht sein, dass die Deutschen es in neutralen öffentlichen Situationen einfach nur nicht so wichtig finden, aller Welt ZEIGEN zu müssen, dass sie glücklich sind? Weil ein anderer Gesichtsausdruck mehr ihren Werten entspricht als ein breites Lächeln?

Vielleicht ist es so, dass die Deutschen mit ihrem Gesichtsausdruck dem entsprechen wollen, was wichtige Eigenschaften in Deutschland spiegelt.

Nämlich zum Beispiel:

Seriös
Vernünftig
Überlegt
Verlässlich
Beherrscht
Nüchtern
Bescheiden
Praktisch
... zu sein.

Wer (unbewusst) ausdrücken möchte, dass er diese Werte seiner Gemeinschaft mitträgt, der wird dazu das passende Gesicht aufsetzen.
Und mit einem ernsten Gesicht auch viel mehr Achtung von anderen (nämlich ihn in der Regel umgebenden Deutschen) erfahren, als mit einem Gesicht das durch ein Lächeln „ohne konkreten Anlass“ Leichtigkeit, Unbekümmertheit und Emotionalität signalisiert.

Hinzu kommt, dass Ehrlichkeit den Deutschen fast am wichtigsten ist und deshalb zu viel "unmotiviertes" Lächeln vielen Deutschen ohnehin suspekt vorkommt. So ein wenig nach dem Motto "Man KANN einfach nicht dauernd so glücklich sein, das glaubt doch kein Mensch. Der tut bestimmt nur so, der will mich täuschen, oder was?"

Also bitte nicht das Glück ERLEBEN und Glück ZEIGEN verwechseln.
Deutsche haben vermutlich nicht nur eine völlignormale Fähigkeit glücklich zu sein, sehr viele sind es auch.

Und wenn ihr das nächste Mal in einer deutschen UBahn besonders ernste Menschen seht, denkt vielleicht daran, dass es verschiedene Gründe haben kann. Sie können krank sein, oder ernsthafte Sorgen haben. Sie können vor kurzem jemanden verloren haben, oder ihren Job. Oder sie sind unglücklich in ihrem Job oder Ehe oder mit ihrer Schwiegermutter.

Oder aber sie lieben ihren Job und sind glücklich darin, und haben sich tagsüber vor lauter Begeisterung so verausgabt, dass sie abends auf dem Heimweg ganz erschöpft sind und auch so aussehen.
(Schlimm?
Dann fragt mal einen Schauspieler oder Musiker, wie geschlaucht er sich nach einem Auftritt fühlt. Ist er glücklich? Ja!)

Und die deutsch-ernsten UBahn-Menschen selbst, was würden die wohl sagen, wenn man sie fragen würde?

Vielleicht dass sie völlig glücklich sind in ihrem Leben und einfach nur in der Öffentlichkeit ihr neutrales Gesicht aufgesetzt haben.

Und später ganz für sich, oder in ihrem privaten Kreis ihr Glück genau so genießen und zeigen, wie sie es für richtig halten....
… mit genau so viel Lächeln, wie es ihrem Naturell entspricht.






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Freitag, 22. November 2013

Social Life - Burnout?





Irgendwie zu viel? Persönliche Termine am Wochenende? Abends?

Genießen wir noch jeden einzelnen Termin?

Oder nähern wir uns - ähnlich einem Weihnachts-Burnout - einem
Social Life Burnout?


Wem es zu viel wird, der ist nicht allein damit.

Denn einen ausgebuchten Kalender zu haben, das ist ein wichtiges Statussymbol.
Nicht nur Auto, Haus, Yacht ..., sondern heute ist man selbst/gerade ohne Auto sondern mit Carsharing cool, und dabei: neben Familie, Fitness und Aussehen auch durch die Anzahl von sozialen Kontakten.

Aber wenn man immer wieder Menschen hört, die sich unterhalten (und ja, JanaBlog berichtet reale Beispiele!):

- "Ein Wochenende frei zu haben nur mit der Familie/Partner/Freundes-Verabredungen, das wäre der größte Luxus...."

- "Meine Kinder sind in Streik getreten! Die wollen diesen Wochenend-Trip nicht machen, "weil ihnen die Verabredugnen zu viel sind"! Sie wollen einfach nur in ihrem Zimmer sitzen und spielen, sagen, das wäre echter Luxus nach einer Schul-/Hobby/-Verabredungs-Woche!"

-(Zwei Männer beim Bäcker:) "Wir fahren zur Familie nach..../Das ist doch schön!/ Na ja, ehrlich gesagt machen wir wirklich jedes Wochenende was, es wird einfach zu viel... da kann man das gar nicht genießen"...

Dabei wollen wir ja eben das: Das Leben genießen, bis zum Anschlag. Eine gewisse Gier nach möglichst vielen schönen Erfahrungen in diesem kurzen Leben kann man uns sicher bescheinigen. Und wer würde das nicht verstehen?

Dazu kommt:
- Nein sagen fällt uns vor lauter Lebens-Gier und Harmonie-Bedürfnis ohnehin sehr schwer.

- Unser soziales Gehirn treibt uns an: Zugehörigkeit und Pflege von sozialen Beziehungen ist in unserem Genirn zurecht seit Beginn der Menschheit als Überlebensgarant abgespeichert. Je mehr gute Beziehungen, desto besser!

Ergebnis:
- Familien/Paare erstellen zur Abstimmung und Planung ein Jahr im Voraus Excel-Sheets mit verplanten Wegfahr-Wochenenden, Feier-, Besuch-Haben  etc.-Wochenenden.

- Vor Weihnachten sind wir im Rausch: jeden Abend eine Feier, jedes Wochenende eine Adventsfeier, weil wir zur Stärkung unserer sozialen Bande wirklich jeden sehen wollen.

- Statussymbol sind auch die Verbredungen unserer Kinder, ihre Hobbies, wie viel und von wem sie zu Kindergeburtstagen eingeladen werden...

- Wir überschlagen uns an Kreativität, eben so nebenbei bei Job und Alltag, um überragend zu sein mit Geschenken, Späßen und Mitbringseln für Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Kindergeburtstage, Einladungen. 

-Wir zaubern Magic Time neben Job und Familie für das liebevolle Basteln von Adventskalender-Päckchen oder trauen uns nicht mit einem gekauften(!) Kuchen bei einer Einladung von Co-Eltern aufzutauchen, und backen die halbe Nacht.

- An Wochenenden lassen wir uns besuchen und spielen Fremdenführer oder besuchen selber Freunde und Familie außerhalb - und versuchen die vom Wochenende liegen gebliebenen To-Do-Listen unter der Woche nebenher zu erledigen.

Übrigens: Mit Geld (fürs Verreisen etwa), oder Stadt-versus-Land hat dies nichts zu tun:
Nehmen wir allein die Grillsaison auf dem Land: wie viele Einladungen und Gegeneinladungen! Und die aufwendigen Hochzeiten, und die vielen Vereine in denen man Mitglied sein kann...


Damit das klar ist:
Das alles macht Spaß!!! Auch die Adventspäckchen!!!
An sich....


.... also: gibt's überhaupt Nachteile, wenn‘s zu viel wird?

- Geraten wir in einen Sog, eine Spirale, wo wir zu wahllos zusagen, bei Menschen die wir eigentlich gar nicht sooo mögen?

- Sind wir manchmal bei den sozialen Veranstaltungen innerlich nur halb präsent, geht also sozusagen die Quantität der Party-Zeit über die Qualität?

- Sind wir noch glaubwürdig, emotional anwesend oder authentisch und für unsere Freunde da während wir eigentlich nah am inneren Social Burnout stehen?

- Ist ein Kinder-Reise-Boykott ein Warnzeichen?

- Leidet unser Paar-/Familienleben unter zu wenig Paar-/Familie-Allein-Zeit?

- Geht unser Verabredungs-Reichtum auf Kosten anderer Bereiche die alle auch wichtig sind für unser Wohlbefinden? Wie das Zur-Ruhe-Kommen, Lesen, Sich-Bilden, Sport machen, Nichts tun...


Jetzt JanaBlog-Trost:

Das Nein können wir eigentlich schon ganz gut!

Wir betreiben es nämlich ohnehin täglich:
Wir sagen sie nicht aktiv, bewirken aber unbewusst unendlich viele Neins, indem wir immer nur eine Möglichkeit pro Sekunde wählen können. Sagen nein zu den Tausenden Möglichkeiten, die wir in Paralleluniversen vielleicht ausführen, aber leider nicht in diesem Universum erleben können.
Nein zu all den Partys, die wir nicht geben, zu all den Freunden, die wir vernachlässigen, die wir täglich nicht treffen/besuchen/einladen. 
Zu all den Konzerten/Filmen/Theaterstücken die wir nie sehen werden, zu all den Büchern die wir zwar mögen würden, aber einfach nicht schaffen werden. Nein zu all den Vereinen/Hobbys, die wir nicht ausprobieren. Und im Kleinen: Effektives Nein zu den  Freunden die wir an einem Abend nicht anrufen, während wir mit unserem Freund auf dem Sofa einen Film schauen, und sogar zu den Freunden, mit denen wir uns nicht treffen, während wir mit einer neuen Bekanntschaft einen Kaffee trinken, ....

Also sind wir eigentlich schon geübt im Wählen, oder?


Und eigentlich sind dieser virtuellen Neins exakt dasselbe wie das, was wir als

Social-Burnout-Prophylaxe


nutzen könnten:

Die Erkenntnis, dass wir beim besten Willen nicht mehr schaffen können, als physi(kali)sch möglich ist in der Zeit, die uns gegeben ist....







Wer wissen will, wie gestresst die Deutschen zurzeit sind:
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/so-gestresst-sind-die-deutschen-umfrage-der-techniker-krankenkasse-a-930696.html


Ähnliches von JanaBlog:



JanaBlog gibt es als ideales kleines Geschenkbuch!
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Näheres hier:

Oder gleich bei Bücher de. Oder bei Amazon, wo man ins Buch hineinschauen kann::


Für JanaBlog-Leser in den USA auch hier erhältlich:


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Montag, 9. April 2012

Japanisches für Deutschland

(Aus der Reihe: Postkarten aus Japan)




Mit Japan haben die Deutschen bereits viel gemeinsam, aber so manches wäre wert bei uns neu ausprobiert zu werden.


In Deutschland beschäftigen wir uns gerne mit den Schattenseiten Japans - schenken solchen Dingen wie hoher Selbstmordrate, dem Dilemma zwischen Individualität und einem mächtigen


Gemeinschaftsgefühl viel Aufmerksamkeit, oder dem Problem des Rassismus und Frauenfeindlichkeit in Japan.

Dabei verschwindet manchmal das Positive aus dem Blick.
Auch die Tatsache, dass wir als Deutsche mit den Japanern ausgesprochen viel gemeinsam haben.
Die Liebe zur Pünktlichkeit zum Beispiel und die Freude darüber, wenn "Dinge einfach funktionieren" oder etwas "gut gemacht ist". Oder auch eine höfliche Distanz, die uns von den preisverhandelnden "geselligen" Ländern trennt.


So liebevoll werden in Japan
 Baumzweige abgestützt


Anderes könnten wir von mir aus gerne auch in Deutschland ausprobieren:

Als Abenteuer am eigenen Leibe erfahren und regelrecht testen kann man in Japan zum Beispiel eine selbstverständliche Rücksichtnahme, ein geradezu organisches Gemeinschaftsgefühl. Es dauert nicht lange, da überlegt man selber genauso wie die Einheimischen, ob man beim Einsteigen in den Bus nun die Person da hinten in der Ecke behindert, oder wo man sich besser hinstellen sollte.

Oder die Liebe zur Schönheit im Alltäglichen, Sorgfalt dabei, wie die Dinge gestellt und benutzt werden - nicht nur beim Essen - das Schmücken der Auslagen oder Häuser je nach Jahreszeit (mit den passenden Zweigen), selbst mit einfachsten Mitteln.

Was ich sehr gerne auch hier erleben würde ist der japanische Stolz auf eine noch so kleine Tätigkeit. Jeder Taxifahrer ist ein Kapitän seines Schiffs, aber auch die Küchenjungen, oder der Straßenfeger macht sich Mühe und zieht daraus Selbstachtung und Befriedigung, dass er seine Sache gut macht und dass jede noch so kleine Rolle oder Aufgabe in der japanischen Gesellschaft traditionell zählt.
Und das ist keine Spekulation, denn das kann man bei der Begegnung mit den Menschen, ja einfach beim Beobachten der Menschen aus dem Hotelfenster spüren.

All das, gepaart mit einer tiefen Höflichkeit, ergibt ein Gefühl der Geborgenheit.
Denn bei all der Disziplin und klaren Regeln der japanischen Gesellschaft wirken die Menschen erstaunlicherweise nicht rigide. Einen Aufenthalt in Japan prägt eine sanfte, warmherzige Freundlichkeit.






Und wenn mal Japaner höflich und entfernt wirken dann spürt man sofort, dass dies nicht aus Abweisung, sondern deshalb erfolgt, weil sie einen gewissermaßen nicht mit der eigenen Persönlichkeit "behelligen" wollen, dies also aus Achtung tun.

Wie würde sich unser Leben ändern, wenn wir einiges davon auch nur ansatzweise ausprobieren würden?

Freitag, 22. Juli 2011

Karl Lagerfeld

Was viele nicht wissen: Er dürfte eine der spannendsten Persönlichkeiten unserer Zeit sein.
Was die meisten durchaus wissen: Er ist im Augenblick überall: Werbungen für Cola Light, Schwarzkopf, VW, Sky, und vermutlich noch einige mehr, er ist laut Statistiken der bekannteste Deutsche in Deutschland, jeder erkennt sein Scherenschnitt-Profil jederzeit. Aber seine Persönlichkeit bleibt ein Geheimnis.

Er könnte der belesenste Deutsche sein. Jeden Abend bis in die Nacht verbringt er lesend, seine Wohnung (viele 100 m² in Paris) ist voller Bücher (auf allen verfügbaren Flächen, Fußböden, Betten, und: quergestapelt, so dass man die Titel lesen kann). Er bringt Bücher vergessener Autoren heraus, illustriert sie und hat die Designer-Eröffnet-Buchladen-Ära ausgelöst. Sogar ein Buch-Duft-Parfum herausgebracht.

Er könnte mit Leichtigkeit der kreativste (jedenfalls: lebende) Deutsche sein: Seine Mode für Chanel erstaunt immer wieder (außer: die aktuelle Haute Couture Kollektion, von der distanziere ich mich!).

Vor allem aber überrascht er mit einer Eigenständigkeit und inneren Autonomie, die selten geworden ist. In seinen provokanten Interviews kann man einiges erfahren:

Über Kreativität kann man von ihm natürlich Einiges lernen, denn er ist durch viele Helfer entlastet von den "weltlichen" Verrichtungen und lebt seine Kreativität tatsächlich völlig aus: zeichnet, liest und denkt wo er steht und geht. Von ihm also kann man zum Beispiel hören, dass man erstmal viel lesen und in sich aufnehmen muss, bevor man etwas Neues auf die Welt bringen kann. Aber auch, dass Kreativität nicht in jedem schlummert, sondern es nur wenige wirklich kreative Menschen gibt (das wäre doch mal ein Anlass für eine Blog-Diskussion!).

Über Freundschaften sagt er, er möchte nicht nur ein Freund sein für schlechte (!) Zeiten! Sondern auch an den guten Zeiten beteiligt sein, an dem Alltäglichen und den Erfolgen. Und über Freundschaften solle ein Damoklesschwert hängen, niemand sollte sich zu sicher sein, sondern immer aufmerksam sein für das Spiel zwischen Nähe und Abstand.

Den kleinen Prinzen vom Saint Exupéry bezeichnet er als das lächerlichste Kinderbuch überhaupt (obwohl er ausdrücklich weiß, dass es (nicht nur in Deutschland) wie eine Bibel behandelt wird.

Er pendelt zwischen vier Wohnungen und ist ein professioneller Koffer-Packen-(Lassen)-Organisator. Für ein verlängertes Wochenende hat er locker 15 Koffer dabei (wofür ich volles Verständnis habe!). Nicht zuletzt um jedes Hotelzimmer sofort in sein Atelier verwandeln zu können, nimmt er eben alles mit: eine Auswahl an Büchern natürlich, aber auch 100 iPods mit seinen Lieblingssongs.

Und er lebt ein völlig exzentrisches Leben: er muss noch nicht einmal eine Tür selber öffnen, in seinen Koffern ist auch immer ein Toaster dabei (weil er manchmal nachts Lust auf ein Vollkorntoast hat), seine Sonnenbrille, die er nie abnimmt, um sich nicht in das Verletzliche in seinen Augen blicken zu lassen, ist nun wirklich sehr berühmt.

Wer kurze Augenblicke von Karl Lagerfeld ohne Sonnenbrille erhaschen will, sehen möchte wie er mit seinen Teams zusammenarbeitet und feiert, dem empfehle ich dringend den Film „Lagerfeld Confidential“ (DVD).
Und jeder kann dort nachschauen, ob der Film für ihn den folgenden Widerspruch auflöst: dafür, dass Lagerfeld dort sehr berührend und für mich glaubhaft versichert, öffentliches Zurschaustellen von Wohltätigkeit zum Beispiel zu verabscheuen und sich selbst nicht sehr ernst nehmen zu wollen, oder gar über sein Vermächtnis oder Ähnliches nachzudenken, ist er im Augenblick in den Werbe-Medien weltweit omnipräsent! Ist er etwa doch der Versuchung seines Ruhms erlegen? Jedenfalls deutet er im Film an, wie spielerisch er es sieht mit all seinen Auftritten.

Vielleicht ist eben einfach nur eine neue kreative Lagerfeld-Ära angebrochen…

Montag, 20. Juni 2011

Trends, Revolutionen und eine Datsche auf der Art Basel

Jan Merta, Chata (Cervená slast), Cottage (Red Bliss), 2009
300 x 195 cm
"Datsche (Rote Wonne)", heißt dieses Bild, das sich riesig vor einem auftürmt und ironisch auf die Wochenendhaus-Kultur in Tschechien anspielt (von einem tschechischen Künstler, Titel aus dem Tschechischen übersetzt).

Ein kleines Kunstwerk überraschte mich: ein Stück groben Stoffs, schätzungsweise 40 × 50 cm an der Wand hängend, mit einem unregelmäßigen Riss, in dem weiße und zum Teil goldene Kunst-Perlen hineingenäht wurden, ganz so wie man sie von Kleidern kennt. Es heißt: "Pray", also, wenn ich es korrekt übersetze: "Bete". Es zeigt, dass es möglich ist: ein Kunstwerk aus völlig unerwartetem Material, Form, Haptik mit Lust es zu berühren und eine poetische Übersetzung einer Idee (vielleicht, meine Deutung: Beten als eine zarte, kostbare aber zaghaft vorgetragene Bitte, aber nicht schön und regelmäßig, sondern in Not vorgebracht (in dem unregelmäßigen Riss), ein bisschen unordentlich, mit zitternder Hand genäht…)
Liza Lou. Pray 2010-2011

Trends? Eine neue Mode ist, seine Kunstwerke nicht zu benennen und stattdessen zu schreiben  "title to be confirmed“, "not yet titled...". Das ist beim ersten Mal witzig, aber wenn man das mehr als vier Mal sieht, wird es zu einem simplen Trend.
Das erste interaktive Kunstwerk in Form eines interaktiven Screens war ganz interessant, Screens könnten die Galeristen aber gerne häufiger verwenden, wie nur eine Galerie, soweit ich sah: darauf könnten gerne Bilder von Kunstwerken laufen, die die Galerie nicht dabei hat aber anzubieten hat. Das würde den Umsatz ganz sicher nach oben treiben.

Gefreut habe ich mich, einige wunderbare Bilder von Alex Katz zu sehen, und (im Vergleich zur Art Cologne & letzten Jahr Basel) tauchten plötzlich in etlichen Galerien Bilder von Albert Oehlen auf, den ich früher überhaupt nicht mochte und der jetzt einen (für mich) neuen Stil zeigte. Und hin und wieder interessante chinesische oder koreanische Künstler, aber leider viel zu wenige, vermutlich machen die Bilder nicht die weite Reise bis nach Europa, da es nun die neue Messe Art Hongkong gibt.


Art Basel 2011, 100 Tonson Gallery, Art Feature Rirkrit Tiravanija

Schließlich ein Tableau, das Messe-Besucher und Künstler gemeinsam bildeten: eine Galerie aus Bangkok ließ Künstler ein thailändisches Gericht kochen und ausgeben, gleichzeitig malten die Künstler auf alle Wände, ganz in der Atmosphäre und in dem Sinne der arabischen Revolutionen (mit Aufschriften wie "Open Facebook" oder "Mubarak you are out“ und ähnlich). Sobald man von diesem Gericht gekostet hat, fühlte man sich glatt, als ob man die Diktatoren mit aus dem Amt getrieben hätte!

(Außerdem vielleicht interessant: Die Kritik an der diesjährigen Spitzen-Kunstmesse ist meines Erachtens durchaus berechtigt: es gab keine bemerkenswerten Plastiken, keine Wahrzeichen vor den Messegebäuden wie sonst, der nicht-kommerzielle Bereich (Art Unlimited) aus meiner Sicht so schlecht gestaltet, dass man sich den Ausflug dorthin hätte sparen können. Die Kojen selbst der besten Galerien waren eng, labyrinthisch gestaltet, so dass es zeitweise wirklich zu voll wurde. Und es mag stimmen, dass im Augenblick die tollsten Arbeiten gar nicht auf dem Markt sind, denn die Wirtschaftslage ist so gut dass keiner wirklich verkaufen muss, und wenn, dann tut er es angeblich auf Auktionen. Aber wie immer: für Menschen die nicht nur den Mainstream-Geschmack genießen, ist Basel ein wahres Eldorado!)