Montag, 26. März 2012

Diktatur und Türkisch für Anfänger

Zwei Filme : "Barbara" und "Türkisch für Anfänger".

Beim ersten Film muss man sich trotz überwiegend euphorischer Kritiken fragen: wie fahrlässig dürfen Künstler mit der Darstellung von Diktaturen umgehen?
Beim zweiten Film ist alles ganz einfach: reingehen, und ausgelassen sein!

Richtig verstehen, bitte: "Barbara" unbedingt ansehen. Nina Hoss ist magisch, und ich glaube sofort wenn Kritiker sagen, dass es der beste Film des Regisseurs Christian Petzold ist. Zurecht ist "Barbara" der heißeste Anwärter auf den Deutschen Filmpreis und hat den silbernen Bären bei der Berlinale gewonnen.
Zurecht?

Ohne die Handlung und den Schluss zu verraten, kann ich nur Andeutungen machen. Aber obwohl es spezifisch um das Dilemma geht, wie sehr man anderen in einer Diktatur vertrauen kann*, wird die DDR-Diktatur verharmlost, indem mit lockerer Hand suggeriert wird, bestimmte Verhaltensweisen wären damals ungestraft möglich gewesen (der Schluss beispielsweise - für diejenigen, die ihn schon gesehen haben).

Wie schlimm ist das eurer Meinung nach?

Ein Beispiel: Schon vor sieben Jahren haben mich sogenannte High-Potentials, allesamt Mitte Zwanzig, in Berlin bei einer Führung ganz ernsthaft gefragt, ob man denn damals überhaupt gemerkt hätte, ob man sich in Berlin West oder Ost befindet.
Wir vergessen die Geschichte so unglaublich schnell!

Deshalb JanaBlog-Meinung: Das Erinnern ist zu wichtig.
Und in einem Film, in dem die Diktatur nicht nur Hintergrund, sondern Teil der Handlung sein soll, müssten sich auch die künstlerisch freien Filmemacher so verantwortlich fühlen, dass sie Unrechtsstaaten weitgehend korrekt und damit nicht verharmlosend zeigen.

Vergleichsweise nach Slapstick klingt dagegen "Türkisch für Anfänger", ist aber so subtil und mit Augenmaß gemacht, dass sich Fans so ernsthafter Filme wie "Barbara" die ganze Zeit frei lachend kugeln können.
JanaBlog kannte die TV-Serie nicht, es machte aber gar nichts, und die DVDs der ersten Staffel sind schon vor lauter Begeisterung bestellt.


Denn das macht Spaß: Ein "Spiegel unserer Gesellschaft" - aber ganz leicht. Mit Vorurteilen und Integrationsthemen, Feminismus und Ökokorrektheit, alles kurz angespielt im Rahmen zweier einfachen Liebesgeschichten. Und mit der Tatsache, dass bei vielen Deutschen mit ausländischen Wurzeln die Integration schon weiter gediehen ist, als sie sich selbst zugestehen: köstlich zu beobachten im Gangsta-Rap-Video eines Türken, der in Wirklichkeit zur wohlerzogenen gehobenen Mittelschicht Berlins gehört und dessen Vater ein sehr gewissenhafter deutschtürkischer Polizist ist.

Und einen neuen sexy und zugleich angenehm zurückhaltenden Kino-Star haben wir nun auch: den Filmhelden Cem, gespielt von Elyas M'Barek !!!





* Laut Regisseur Christian Petzold im offiziellen Film-Flyer

Kommentare:

  1. Danke dir für die gelungene Filmkritik! Als großer Fan der Serie "Türkisch für Anfänger" habe ich nämlich bisher gezweifelt, ob es sich lohnt auch den Film anzuschauen...jetzt werde ich es wohl wagen! ;-)

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  2. es ist tatsächlich ein petzold-jahr. man darf gespannt sein wie sehr er sich gegen emmerichs high-buget-production durchsetzen wird. in barbara kommt die repression meines erachtens schon allein durch ihre körperhaltung zu tage, ganz zu schweigen von der ziemlich am anfang gezeigten und später wiederholten leibesvisitation, dem immer wieder parkenden auto vor ihrem haus und in ihren handlungen, bei denen das "kein-beweis-liefern" die repression zeigt, ohne den machtapparat mit allem tam tam zu bebildern. das ist die größe petzold wie er sie schon damals bei der inneren sicherheit bewiesen hat. insofern wird das "boese" des systems gerade durch seine bildhafte abwesenheit besonders gut spürbar. man kann das als dramturgischen trick abtun, nämlich die repression ins innere der hauptfigur verlagern, aber manchmal ist es eben effektiver.

    mir persönlich jedoch gefällt jerichow oder yella allerdings noch besser, da die beiden noch mehr wagen. besonders jerichow verhandelt auf interessante weise integration, während yella ein wirklich filmisches kunstwerk ist. und petzold ist obendrein auch noch ein toller gesprächspartner. ich drücke ihm die daumen!!

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