Donnerstag, 8. Januar 2015

Groß, kahl, kühl.






Allenfalls Rehböcke dürfen heute hängen, Wände 
müssen weiß und kahl sein und Pflanzen altmodisch.
S. 95
Wohnung von Dean Di Simone, New York,
Foto von Brian W. Ferry 
Werden wir bald alle so kühl wohnen wie die erste nun erwachsene Digital-Generation?

Vielleicht, und nicht nur, weil sie Trendsetter liefert.

Denn für kahle Wände gibt es Gründe.

In dem
Buch "Freunde von Freunden FRIENDS OF FRIENDS" von fvf*

fotografieren in lässiger Form Freunde von Freunden von ursprünglich ein paar Berliner "Digital-Bohemiens" gegenseitig ihre Wohnungen. Das ergibt einen ersten Eindruck einer neuen heutigen Wohn-Welle, und zwar über fast alle Kontinente hinweg.

(Dabei sind von Musikern über Entrepreneure bis zu Künstlern alle, - mehr beginnende/unbekannte als etablierte. Von Grafik- und

Modedesignern über Floristen, Goldschmieden bis zu PR-Genies, zwischen etwa 20 und 101(!) Jahren alt, aber meist schätzungsweise in ihren Zwanzigern und Dreißigern. Skater-Vergangenheit von Vorteil.)

Was ist Trend?
Welche Widersprüche zu unserer Zeit gibt es dabei?
Und warum sieht alles so unbewohnt aus?


Die Buch-Macher enthalten sich ausdrücklich aller Aus-Wertung, sagen nur eins:
„Der Kreative, der Hipster,… packt die Einrichtung seiner Wohnung auf drei verschiedene Weisen an: Entweder er gestaltet sie gar nicht. Oder er gestaltet sie ganz besonders. Oder er gestaltet sie auf ganz besondere Weise gar nicht....."**

JanaBlog ist nicht so zurückhaltend,
hier für euch was ihr auffiel:


Trends:

- Kahl: Bilder nicht aufhängen, Wände müssen kahl und weiß sein und möglichst kühl. Ergebnis: Wohnung soll (nach alten Maßstäben!) ungemütlich aussehen.
Man besitzt durchaus schöne Bilder. Die lässt man aber entweder auf dem Boden lehnen oder auf einem Brett hinter dem Bett nebeneinander (zB. S. 278, 91). Wenn man hängt, dann in der Petersburger Hängung (zB. S. 63, 175, 101)



Bilder anlehnen auf einem Bett-Brett
S. 278
Wohnung von Nir Stern in San Francisco,
Foto von Hanh Cooley


Typische zeitgenössische Petersburger Hängung
S. 63
Wohnung von Bruno Pieters, Antwerpen
Foto von Sonja Stadelmaier


- Pflanzen: Ein Muss sind altmodische (früher als spießig geltende, jetzt
Retro-)Schlimmer-als-Fikus-Pflanzen (zB. S.168, 35).
Statt frischer Schnittblumen gerne am besten vertrocknete Sträuße  (zB. S. 80, 264)



Früher galten solche Pflanzen im Wohnzimmer als sehr spießig:
S. 35
Wohnung von Albert Folch, Barcelona
Foto von Silvia Conde


Hier verstärken die Vorhänge noch den Retro-Touch der Pflanzen:
S. 168
Wohnung von Jen und John Vitale, Portland USA
Foto von Carissa Gallo

- Fahrräder: Müssen in der Wohnung zu sehen sein, am besten jedoch ist ein altes Motorrad!

- Location: Fast immer besonders schön gelegene Penthaus-Wohnungen, Lofts, oder alte Häuser, inspirierende Lage und Art der Räume ist wichtig.


Widersprüche?

Trotz Zeiten der Vegetarier und Veganer:

-Statt Teppiche: Kuh- und sonstige -Häute liegen auf dem Boden oder zumindest sind Möbelstücke damit bezogen (zB. S. 24, 271):


Sogar inklusive Geweihe. In anderen Räumen dieser Wohnung lehnen übrigens sehr viele großartige Bilder
an Wänden und Bücherregalen.
S. 24
Wohnung von Adriano Sack, Berlin
Foto von Dan Zoubek

- Köpfe: Rehböcke müssen hängen - an den Wänden (zB. S.95, S. 278 gleich zwei. Wenigstens imitiert aus Holz: S.174, oder wenigstens nur das Geweih, zB. S. 266).

In Zeiten des neuen "Less-is-more":

- Viel Platz: Keine falsche Raum-Bescheidenheit,
viel ("verschwendeter") unbespielter Raum.

Was insgesamt jedoch am meisten auffällt sind die vielen weißen Wände ohne Bilder oder Textil (viel häufiger ohne Rehböcke und Geweihe als mit),

und man kann sich fragen:

Ist dies der
erste Schritt zur Verarmung unserer

(im Vergleich zur Computer-Virtuellen:) realen Welt? 
Wird es Wohnlichkeit und Bilder nur noch online geben und in Ausstellungen?
Untergang des Abendlandes?

JanaBlog-Spekulationen:

- Die meisten der Digital-Bohème sind noch jung und haben noch kein Geld? (Hmmm... früher hatten selbst arme Studenten dann Poster oder Ikea-Bildchen...)
- Geschmack noch unentschieden? Sie sehen sich dabei zu wie sie beginnen Präferenzen auszubilden indem sie Bilder versuchsweise unverbindlich statt Hängen hinstellen?
- Alle sind so viel auf Reisen, dass Wohnen nicht so wichtig ist?

Am wichtigsten aber vermutlich:

- Kahle Wände sollen eine Erholung von der digitalen Bilderflut sein!
Die kühle Leere ist dann so ähnlich wie wenn Modedesigner nur in Schwarz herumlaufen.
Und
- viele der fotografierten Teilnehmer
arbeiten dort wo sie wohnen.
Deshalb meinen sie, darf es auch nicht zu gemütlich sein
. Um Ablenkung und Beeinflussung durch andere Künstler zu vermeiden, um kreative Neutralität zu erzeugen.

Verständlich! Richtig!

Aber, wie Teilnehmer des "Experiments" im Buch selbst sagen:

"Living and working in the same space can be complicated. You lose intimacy."/ Im gleichen Raum zu arbeiten und zu leben kann kompliziert sein. Du verlierst Intimität."(Laura González und Gori de Palma. Übersetzung im Buch, S.197)

Und an Behaglichkeit. Und an positiven Einflüssen, die Kunstwerke, Bilder, einfach Einrichtungsgegenstände ausstrahlen können.***


Gegenbeispiel? Selbst Kleinigkeiten wie spannende Pflanzen oder
aufgehängte Bilder können aus
Wohnräumen Erlebnisräume machen.
S. 232
Wohnung von Mark Kushimi, Mililani, Hawai,USA
Foto von Cassy Song und Willy Branlund
Rettung gibt's später, denn JanaBlog weiß:

Mit ein paar Einrichtungs- und Psycho-Tricks muss man auch in einer kombinierten Arbeits-Wohn-Lösung auf Wohnlichkeit nicht verzichten.

Das ist aber ein Extra-Thema, haltet Ausschau nach einem nächsten JanaBlog-Post dazu!

Denn neue trotz-Digitalisierung-wohnlichere Lösungen lohnen sich. Gegenstände und Bilder können nämlich gerade zum Arbeiten besonders viel Kraft geben!

Beweis:
Einer der erfolgreichsten und bekanntesten Fotografierten im Buch, der
Acne-Mitgründer Tomas Skoging (S. 315) weiß das in seiner relativ/skandinavisch behaglichen Wohnung jedenfalls
und nutzt Gegenstände seinerseits zu seinem Vorteil:
Super Mario für den Humor,
und ein Falke(nartiger Vogel) als Inspiration für entschlossenes Vorgehen eines Raubtiers!:



S. 315
Wohnung von/auf Foto Tomas Skoging, Stockholm
Foto von Hannah Skoog



S. 315
Wohnung von/auf Foto Tomas Skoging, Stockholm
Detail aus Foto von Hannah Skoog


Aber, na ja, was weiß der schon,
der ist auch schon ein paar Jahre älter als die meisten der
jüngsten digitalen Bohème ...







* www.fvonf.com, Distanz Verlag. Gibt es auch als Blog:http://blog.freundevonfreunden.com
** Vorwort von Markus Peichl
*** Früher/oder man übertreibt in die andere Richtung und unterschätzt die Auswirkungen der Bilder: http://janablog1.blogspot.de/2014/01/mit-bildern-allzu-unbekummert.html


Alle Fotografien sind dem oben genannten Buch Friends of Friends, Distanz Verlag, entnommen.


Ähnliches von JanaBlog:

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